Ich bin wirklich kein Fotograf. Als die Fotografie noch ausschließlich analog funktionierte und man sich zum Entwickeln eines Fotos in eine dunkle, sehr nach Chemie riechende Kammer zurückziehen musste, interessierte sie mich fast garnicht. Nein, das ist gelogen - es gab einen Zeitpunkt in meinem Leben, wo ich fast schwach geworden wäre.
Damals arbeitete ich für zwei Monate beim "Extra Magazin", einem Ost-Ableger des Sterns, der nach der Wende aus der NBI, der "Neuen Berliner Illustrierten" hervorgegangen war. Eigentlich war mein Job nur eine Schwangerschaftsvertretung, und eigentlich war er nur gedacht, die Zeit zwischen Berufsausbildung und Studium zu überbrücken. Ich arbeitete in der Bildredaktion und meine Aufgabe war, am Tag nach der Ausgabe zu beginnen, die Honorare der Fotografen für die erfolgten Veröffentlichungen zu berechnen und zu versenden. Manchmal war ich auch an der Produktion beteiligt, wenn es darum ging, besonders ungewöhnliche Bilder zu besorgen. Ich erinnere mich an einen Tag, an dem ich in die Redaktion kam und alles sich bereits frühmorgens - als alte Ostberliner Gazette pflegte man noch die sozialistischen Arbeitszeiten von 07.00 Uhr bis 18.00 Uhr - in heller Aufregung befand. Ein Redakteur hatte über hundert Ecken gehört, es würde irgendwo ein Foto geben, auf dem man Steffi Grafs Brust sehen könne. Steffi Graf war damals noch aktive Tennisspielerin und unglaublich beliebt. Also machten wir uns mit nichts als der vagen Information, dass es dieses Foto geben könne, auf die Suche. Wohlgemerkt - das war noch im Pre-Internet-Zeitalter Anfang der 90er, einziges Hilfsmittel war dabei das Telefon. Wir hatten den ganzen Tag damit zu tun, doch am Abend - an Feierabend war an diesem Tag nicht zu denken - hatten wir den Fotografen in New York ausfindig gemacht. Steffi war auf einem Bankett gewesen, trug ein langes, rotes Kleid mit tiefem Ausschnitt und beugte sich bei diesem Foto weit nach vorne. Nun, sie trug keinen BH - es gab angesichts der Dimensionen auch keinen wirklichen Grund dafür. Was man erblickte, war ein kleiner Ausschnitt der gut durchtrainierten Brust einer Hochleistungssportlerin. Nicht, dass ich in meiner früheren Karriere als Schwimmer nicht schon einmal gesehen hätte. Aber der Mensch, zu dem sie gehörte, war nun einmal Steffi Graf, und wir waren allesamt fürchterlich stolz auf unsere Rechercheleistung.
Wie auch immer, jedenfalls hatte ich damals einen etwas älteren, väterlichen Kollegen, der in mir den Keim der fotografischen Begeisterung aus dem Samen hüpfen sah - Peter Leske. Mit unendlicher Geduld und faszinierendem Sachverstand erteilte er mir in den wenigen Wochen meiner Tätigkeit in der Bildredaktion eine Express-Lektion nach der anderen in Brennweite, Tiefenschärfe, Lichtstärke und vor allem dem Blick für's Motiv. Irgendwann schliff er mich ins nächste Fotofachgeschäft und drückte mir zum Ausprobieren eine Canon EOS 100 in die Hand. Es war damals DAS Modell für den ambitionierten Einsteiger - alles drin und dran, was man für richtig gute Fotos braucht. Leider auch nicht ganz billig - und ich als Ex-Berufsschüler und Student in spe war alles andere als flüssig. So musste die EOS noch warten. Und aus meiner Festanstellung beim Extra-Magazin wurde leider auch nichts. Und leider riss der gesponnene, dünne Kontakt zu Peter Leske allzu bald wieder ab - ich hätte noch so viel von ihm lernen können.
So kam ich zur Fotografie erst wieder zurück, als es die ersten Digitalkameras gab. Ich hab lange gewartet, bis ich mich entscheiden konnte, das viele Geld für eines dieser Dinger auszugeben. Eine Auftragsarbeit für eine befreundete Firma machte es dann möglich - ich wurde in Naturalien in Form einer Canon PowerShot S30 bezahlt, die fortan mein Begleiter auf meinen immer zahlreicher werdenden Reisen wurde. Ich hatte keinen großen Anspruch an die Bildqualität, für mich waren die geschossenen Bilder nur Denkanstöße, mich an Personen, Orte und Ereignisse später besser erinnern zu können. In vielerlei Hinsicht sehe ich Fotos noch heute so. Das ist aus meiner Sicht auch die große Gefahr der Digitalfotografie: Das Fotoalbum, in dem neben dem Foto auch die dazugehörige Geschichte abrisshaft erzählt wurde, gibt es in dieser Form kaum noch. Die Fotos liegen weitestgehend unsortiert und undokumentiert auf irgend einer Festplatte, bis sie versehentlich gelöscht werden. Und während die meisten Menschen ihr Geld nur in immer "bessere" Kameras investieren, gibt fast niemand Geld für die systematische und nachhaltige Ablage und Archivierung seiner Fotos aus. Und immerhin - nicht jeder möchte seine Fotos Google schenken und über Picasa verwalten.
Ich halte momentan meine Fotos auf zwei gespiegelten Festplatten, sortiert nach Jahren, Orten und Zeitangaben. Im Moment weiß ich zu den meisten der Fotos noch eine Geschichte zu erzählen, aber je mehr Fotos es werden, und je mehr Kerzen auf der Geburtstagstorte, desto schwieriger dürfte das werden. Also höchste Zeit, hier etwas zu unternehmen. Eines der Projekte, das ich mir für die nächsten zwei Jahre vorgenommen habe.
Doch zurück zu meiner ersten Digitalkamera. Die S30 ist in einem stabilen Metallgehäuse aus gebürstetem Aluminium verpackt, das mit etwas Glück auch mal einen Sturz auf unnachgiebigen Beton übersteht. Zumindest war das bei mir mehrmals der Fall. Die Bildqualität ist in Ordnung, einzig die Qualität der gemachten Kruzfilmchen - maximal 30 Sekunden erlaubt die Kamera hier - lässt zu wünschen übrig. Allzu stark komprimiert werden Bild und Ton. Aber die S30 ist ja auch ein Fotoapparat, keine Videokamera. Über viele Jahre hat sie mich bis jetzt begleitet, und ich hätte mich wirklich nicht nach etwas Neuem umgesehen, wäre da nicht dieser Tauchurlaub im letzten Jahr gewesen. Nein, keine Sorge, ich hab' sie nicht ins Wasser geworfen. Aber ich hätte unter Wasser tatsächlich auch gerne ein paar Fotos gemacht. Und das ist mit der S30 inzwischen nicht ganz so einfach - es gibt praktisch kein Zubehör mehr zu kaufen, und damit auch kein passendes Unterwassergehäuse.
Also habe ich mich nach kurzem Ringen und unter Ignoranz meines aktuellen Kontostandes dafür entschieden, eine Neue zu erwerben. Es sollte wieder eine Canon werden. Keine Spiegelreflexkamera - beim Tauchen sind Kompaktkameras einfach praktischer wegen des Displays. Außerdem sind sie robuster: Beim Einsteigen ins Zodiak werden die Kameras doch relativ unsanft in die Ecke des Schlauchboots gefeuert - ich glaube, eine Spiegelreflex hätte diese rüde Behandlung irgendwann übel genommen. Also eine Kompakte. Die Canon PowerShot G10 war bereits auf dem Markt, aber recht teuer. Und von der Objektivauslegung ist die G10 deutlich weitwinkiger ausgelegt als das Vorgängermodell Powershot G9 (G9: 7.4 - 44.4 mm, G10: 6.1 - 30.5 mm), was mir für das, was ich mit ihr vorhatte, nicht wirklich gut gepasst hätte. Also konzentrierte ich mich auf die G9, welche eben als Auslaufmodell auch noch viel preiswerter zu haben war.
Bestellt habe ich die Kamera beim günstigsten Anbieter zum günstigsten Preis, was sich im Nachhinein nicht wirklich als kluger Schachzug erwiesen hat. Das Angebot umfasste die Kamera und zwei Zubehör-Akkus. Nachdem ich die Kamera erhalten hatte, musste ich feststellen, dass es sich tatsächlich um Zubehör-Akkus aus chinesischer Produktion handelte, auf der nicht nur eine exakte Produktbezeichnung fehlte, sondern auch die Angabe über Kapazität und Ladespannung. In Sorge um meine neuerworbene Kamera setzte ich mich mit dem Versand in Verbindung und erkundigte mich über die Gewährleistung im Falle einer explosiven Kapazitätsfreisetzung des Energiespeichers. Man beschwichtigte mich, die Akkus seies "stichprobenartig" getestet und für diesen Kameratyp als geeignet eingestuft worden. Bislang konnte ich auch noch keine negativen Begleiterscheinungen feststellen: Die unbeschrifteten Dinger sind standfest und gehen von der Laufzeit her in Ordnung. Immerhin mussten sie ihre Reifeprüfung bei zweistelligen Minusgraden bestehen. Dennoch, ein ungutes Gefühl bleibt, und ein Originalakku kostet immerhin über 50 Euro. Dass das im Lieferumfang aufgeführte Ladegerät fehlte, war wohl ein mehr oder minder beabsichtigtes Versehen des Versenders. Denn ebenso wie die Originalakkus kann man die Ladegeräte separat natürlich noch sehr gewinnbringend veräußern. Zum Glück sind das Ladegerät und die Akkus der G9 identisch zu denen meiner alten S30, was mich angesichts der fast 10 Jahre, die zwischen ihnen liegen, schon sehr überrascht hat. Aber an dieser Stelle der Tipp für alle Nachahmer: Letztlich doch lieber 30 Euro mehr beim Fachversand ausgeben als sich nachträglich darüber ärgern, mit welchen Einschränkungen man sich seinen "Superpreis" erkauft hat.
Nun zu den Fotos, welche die Neue macht. Um es gleich vorweg zu sagen: Ja, seit der S30 hat sich doch Einiges im Sektor der Digitalfotografie getan. Was man gleich als erstes zu schätzen beginnt, ist die optische Bildstabilisierung. Endlich gelingen Schnappschüsse bei schlechten Lichtverhältnissen auch ohne Stativ. Es ist wirklich verblüffend - bis zu einer halben Sekunde Belichtungszeit wird die unruhige Hand fast perfekt ausgeglichen. Allein für diese Funktion hat sich die Investition in die neue Kamera schon gelohnt. Aber das ist natürlich erst der Anfang. Ob man solche Features wie die Gesichtserkennung wirklich braucht, sei einmal dahingestellt. Aber mit den halbautomatischen Blenden- und Belichtungsprogrammen in Kombination mit dem Mehrfeld-Autofocus kann man wirklich schon gute fotografische Effekte erzielen. Dabei ist die Bedienung der Kamera stets intuitiv, alle Bedienelemente sind gut erreichbar, man muss sich eigentlich nie durch unverständliche Menüs arbeiten, um eine bestimmte Funktion aufzurufen. Das war mir besonders wichtig, da man unter Wasser keine Muße hat, erst ewig lange durch die Kamerasoftware surfen zu müssen, um von einem Programm auf ein anderes umzuschalten.
Es hat trotzdem ein bisschen gedauert, bis ich die Makro-Funktion der Kamera entdeckt hatte. Um so verblüffter war ich über die damit möglichen Fotos. Gerade im Web-Bereich benötigt man immer wieder extreme Nah-Aufnahmen - und ab einem Zentimeter Abstand bekommt man mit der G9 so ziemlich alles scharf auf den Sensor. Ebenfalls überzeugend war für mich die Bildqualität des Sensors selbst. Ich habe nächtliche Langzeitbelichtungen ausprobiert und war wirklich angetan vom geringen Rauschen des Sensors. Klar, bei 1600 ISO stösst die Kamera an ihre Grenzen. Aber für eine Kompaktkamera sind die erreichbaren Ergebnisse zumindest für mich als Amateur mehr als befriedigend.
Fazit meiner Neuerwerbung: Mit meiner G9 habe ich mir ein schönes und nützliches Weihnachtsgeschenk gemacht. Ergänzt um ein einfaches Stativ und das original Canon-Unterwassergehäuse fühle ich mich nunmehr perfekt ausgerüstet für den nächsten Tauchurlaub. Und für den Schnappschuss zwischendurch sowieso.
