Brummend setzt die Dash/8 zum Landeanflug auf Friedrichshafen an, der Mond schwenkt in Sichtweite und zaubert Reflexe auf die leicht gekräuselte Oberfläche des Bodensees knapp einhundert Meter unterhalb der Maschine. Und keine Minute später setzen die Räder quietschend auf der Landebahn des Airports Friedrichshafen auf. Der nur eine Zwischenstation auf meiner dieswöchigen Reise darstellt – ich bin wieder einmal auf dem Weg nach Österreich, in den nächsten Tagen ist Bregenz an der Reihe.
Die ersten beiden Tage dieser Woche waren angefüllt mit hektischer Vorbereitung dieser Reise, dazu wollten gleich drei andere Kunden meine möglichst ungeteilte Aufmerksamkeit, und der Tag hätte mal wieder vierundzwanzig Stunden haben können. Manchmal habe ich das Gefühl, meine Arbeit besteht momentan mehr aus De-Eskalation als aus dem Lösen von technischen Problemen. Doch der Blick aus dem Flugzeugfenster lässt den Gedanken an derlei Dinge verstummen. Die Wolken unter mir sehen wieder einmal aus wie nach einer sonderbaren Geometrie zusammen geschobene Wattebäusche. Dazu das Licht der untergehenden Sonne und das gleichmäßige Summen des Propellers neben meinem Ohr – die ideale Kulisse, um wieder einmal ein wenig vor mich hin zu grübeln. Es ist sicher ein Zufall, dass in den letzten Wochen etliche Ereignisse auf dieser Welt gezeigt haben, dass Nichts und Niemand von Veränderungen verschont bleibt, wenn diese erst einmal in Gang gesetzt sind, und dass Dinge, die einem selbstverständlich erscheinen, schon morgen unwiederbringliche Vergangenheit sein können.
Erdbeben und Tsunamis gehören ja zum Glück nicht zu den Naturereignissen, mit denen wir in Mitteleuropa üblicherweise konfrontiert werden. Aber die pazifische Tsunami, die unter anderem die Traumstrände von Thailand zerstört hatte, erregte doch auch hierzulande etwas Aufmerksamkeit. Es folgten inzwischen zahlreiche schwere Erdbeben an nahezu allen Verwerfungszonen der Erde – mit Ausname der kalifornischen, wo das „Große Beben“ noch aussteht. Aber während man bei den Beben in Haiti und China nur die abstrakten Medienberichte wahrgenommen hat, sorgte der Ausbruch eines Vulkans auf Island, bei dem niemand verletzt worden ist, für ungleich größere Aufmerksamkeit durch die Tatsache, dass der europäische Flugverkehr für Tage zum Erliegen kam. Und als ich mich heute auf den Weg nach Bregenz machte, wurde mir klar, dass Fliegen eben keine Selbstverständlichkeit ist, sondern neben vielen anderen Faktoren absolut auch vom Wohlwollen der Natur abhängig ist. Und so werde ich wohl bei jeder künftigen Flugreise immer auch an „Plan B“ denken: Die alternative Rückreise ohne Flugzeug.
Aber es sind nicht nur die Naturereignisse, die mich über plötzliche und unerwartete Veränderungen nachdenken lassen. Letztes Jahr war geprägt von der Wirtschaftskrise, die auch in meinem Freundeskreis ihre Opfer gefordert hat. Meine Branche war zum Glück nicht betroffen – aber das nächste Mal könnte es anders aussehen. Und ähnlich einer schweren Naturkatastrophe scheint es mir, als könne ich überhaupt nichts tun, um mich davor zu schützen. Es sind letztlich volks-, ja, eigentlich weltwirtschaftliche Prozesse, auf die ich keinerlei Einfluss habe. Und selbst wenn ich Attac beitrete und gegen die Globalisierung wettere, werde ich wohl nicht verhindern, dass die Kurve weiter zwischen Konjunktur und Krise hin und herschwingt.
Immerhin – bislang schien Deutschland als Staat und Europa als umgebendes Gebilde stabil zu sein. Es klingt noch der berühmte Satz von Norbert Blüm im Ohr: "Die Rente sin' sischer!". Mal abgesehen davon, dass die Realität auch diese Aussage schon überholt hat, zeigen die Beispiele von Griechenland und Portugal, dass nicht nur die Renten keineswegs sicher sind, sondern durchaus auch ein kompletter Staatshaushalt den Bach herunter gehen und die Pensionskassen seiner Beamten gleich mitnehmen kann. Nun – mein Mitleid mit den griechischen Staatsbediensteten hält sich in Grenzen, aber dass über die Stabilität des Euro nachgedacht wird, lässt mich doch nachdenklich werden. Menschen meiner Generation und Herkunft haben bereits zwei Währungswechsel hinter sich. Jedes mal fand die neue Währung den Weg ohne Inflation, Notgeld und Verpflegungsmarken zu mir. Ich hatte gedacht, mit dem Euro nun eigentlich den letzten Wechsel in meinem Leben erlebt zu haben. Doch nun scheint es, dass auch diese gedachte Konstante nicht so unveränderlich ist wie gedacht. Und nebenher hat sich eine merkwürdige politische Landschaft in unserem Land etabliert. Es fehlen völlig Ideale, die verfolgt werden, große Ziele, mit denen man sich identifizieren kann. Es werden Probleme verwaltet und nicht gelöst. Das macht es so schwer, sich für eine der existierenden politischen Parteien zu entscheiden. Keine von ihnen bietet einen Masterplan, der ein realistisches Bild von einer erreichenswerten Zukunft zeichnet.
Statt dessen haben wir größtenteils Politiker an den Schalthebeln, die nicht den Mut haben, auch mal ein Tabu zu brechen um entfesselte Spekulanten in ihre Schranken zu weisen. Zu groß ist offenbar die Angst, als Kommunist, Utopist, weltfremd, ewig gestrig oder schlicht dumm gebrandmarkt zu werden, wenn man in dieser Position das Finanzwesen als eine der Säulen des modernen Kapitalismus ernsthaft in Zweifel zieht. Auf anderen Gebieten mangelt es den Politikern hingeben überhaupt nicht an Mut: Die gleichen Protagonisten haben scheibchenweise Nachkriegserrungenschaften wie Bürgerrechte und Pazifismus ausgetauscht gegen Schlagworte wie "Innere Sicherheit", "Kampf gegen den Terror" und letztlich einen echten Krieg. Letzterer findet zwar in einem Land statt, das jeder dritte Deutsche vermutlich nicht mal auf Anhieb auf der Landkarte finden würde, aber mit einer solchen Politik, so scheint es mir, bereitet man den Boden für Veränderungen, die so eigentlich keiner haben wollen kann. Wenn nicht bald jemand mit einem positiven politischen Ideal die Bühne betritt, werden die Menschen vermutlich wieder auf den Erstbesten hören, der ihnen glaubhaft die Lösung ihrer Probleme verspricht. Und sie werden dabei wohl kaum auf die Mittel schauen, die dabei eingesetzt werden.
Nichts bleibt eben, wie es ist. Kalifornien wartet auf sein großes Beben - wohl wissend, das es irgendwann kommen wird, wohl wissend, dass es nicht wirklich etwas dagegen tun kann als im Ernstfall schnell unter den Tisch zu kriechen. Und irgendwie fühlt es sich auch hierzulande an wie das Warten auf ein Beben. Vielleicht sollte ich in Zukunft immer einen Klapptisch dabei haben. Man weiß ja nie...
