Ein Wochenende, angefüllt mit hunderten Kilometern Bahnfahren. Und nach Wochen der Abstinenz endlich mal wieder die Gelegenheit, einen Eintrag in meinem Reisetagebuch zu plazieren. Ich hätte ja zwischendurch mal was geschrieben – aber ich war einfach nicht unterwegs. Und auch wenn inzwischen viel passiert ist in der Welt, ist dies ja letztlich doch mein Reisetagebuch und nicht der Ort, an dem ich ohne Unterbrechung Kommentare zur Welt um mich herum ablasse, auf die jene nun wirklich nicht wartet.
Also sitze ich an Bord von ICE 374 auf dem Weg nach Hause, draußen zieht sommerliche Landschaft vor dem Zugfenster vorüber. Aber ich habe bei der Buchung meines Fahrscheins wieder mal den Kapitalfehler Nummer Eins gemacht: Ein Sitzplatz in der sogenannten Handy-Zone. Ich bin umzingelt von dauertelefonierenden Mittvierzigern, die sich alle privaten, intimen und wohl auch peinlichen Telefonate der vorangegangenen Woche aufgespart haben, um sie jetzt in der begrenzten Öffentlichkeit von Wagen Nummer Drei zu führen. Mir bleibt nur die Flucht unter meine zum Glück gemütlichen Kopfhörer, die mich akustisch vom Seelenstriptease meiner Nachbarn abkoppeln. Und kaum, dass meine Ohren in den weichen Postern der AKGs versunken sind, massiert der sanfte Slide-Guitar-Sound der Derek-Trucks-Band auch schon die Trommelfelle. Der Fuß wippt, die Schulter zuckt, die Finger spielen fast automatisch die Basslinie auf der rechten Außennaht meiner Jeans – und ein festgemauertes, breites Grinsen nimmt auf meinem Gesicht Platz.
Endlich scheint Sommer zu werden. Zumindest hier unten im Süden Deutschlands fühlt es es sich so an. Während Berlin bei Temperaturen um zehn Grad Celsius an der Bushaltestelle friert, sitzt München bei gemütlichen 24 Grad vor dem Eiskaffee und genießt die Wärme auf dem Gesicht. Das Wetter sorgt wieder einmal für eine Spaltung Deutschlands. Aber egal – ich nehme das Gefühl mit nach Hause. Und dort wartet schon das Zeugnis meiner letzten Konsumattacke auf mich – mein brandneues Corratec-Rennrad. Ein leichter Tritt in die Pedale wird unmittelbar und verzögerungsfrei in Vortrieb umgewandelt, die neun Kilogramm aerodynamisch geformte Fahrmaschine legen sich in den Fahrwind - und schon pfeilt man dem Horizont entgegen. Wie ich mich schon darauf freue. Freiheit, erlebt auf zwei trennscheibendünnen Rädern.
Da wird es meine gute, alte Gummikuh schwer haben, mich noch in den Sattel zu locken, um mich von ihren beiden stampfenden Zylindern durch die Landschaft treiben zu lassen. Hm. Nein, das wird trotzdem noch stattfinden. Jede Fortbewegung hat ihren speziellen Reiz. Ob der Moutainbiker beim Downhill über Äste, Steine und durch Bachbetten brettert, der Skifahrer ankantet und mit voller Geschwindigkeit lustvoll eine weite Kurve über den Hang zieht, um am Ende über diese kleine Bodenwelle zu hüpfen, ob der Treckingradfahrer sich mit seinem voll beladenen Lastesel die Passhöhe hinaufarbeitet, der Kanufahrer bei Gegenwind durch die aufgepeitschten Wogen gleitet – oder eben der Motorradfahrer irgendwo in seinem Hinterteil spürt, wie sich die warmen Reifen mit dem Asphalt verzahnen und mit kratzenden Fußrasten über die mäandernde Landstraße schießt – der Mensch scheint es zu lieben, sich zu bewegen oder bewegen zu lassen. Ich könnte die Liste noch weiter fortsetzen – über Segler, Surfer, Gleitschirm- oder Segelflieger...die Lust an der Bewegung zieht sich durch unser Leben. Stillstand tut mehr weh als die Schmerzen, die das Besteigen eines hohen Berges verursacht. Und auch wenn man – einmal auf dem Gipfel angekommen – in Ruhe verharrt, hat es die vorherige Anstrengung gebraucht, um diese Ruhe wirklich zu mit dem ganzen Körper zu empfinden.
Gleite schon wieder ins Metaphysische ab – bitte um Entschuldigung, aber die exorbitante Summe, die ich für knapp neun Kilo Karbon bezahlt habe, muss ich mir in besonderer Weise erklären – nüchterne Argumente reichen dabei einfach nicht auf. Rein wirtschaftlich betrachtet ist so eine Anschaffung kompletter Unfug – macht aber ungeheuten Spaß.
Außerdem – was sollte ich sonst für Themen erörtern? Über Lena Meyer-Landrut schreiben schon alle – und der Erfolg hat dem Dilettantismus mal wieder Recht gegeben – ein Hoch auf die Raabs und Bohlens dieser Welt. Außerdem hat uns die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko mal wieder zu Experten in Tiefseeölförderung gemacht, wir wissen alles über Blow Out Preventer, Riser und die Top-Kill-Methode. Inzwischen wächst auch die finanzpolitische Kompetenz in der breiten Bevölkerung, die erstmals versteht, wie Währungskurse entstehen, ein Rettungsschirm funktioniert und was einen faules Wertpapier auszeichnet. Wir nehmen mit erstauntem Gesichtsausdruck die beispiellose Selbstdemontage unserer Regierungskoalition wahr – und ich frage mich, ob sich die Bevölkerung bei der nächsten Wahl an dieses absurde Theater noch wird erinnern können. Vermutlich nicht – schade eigentlich. Also – worüber sollte ich noch schreiben. Das Universum entfaltet sich weiterhin in exakt der geplanten Weise – und die Welt jagt sich dabei in Zeitlupe zum Teufel. Selten wurde das so deutlich wie dieser Tage – da erübrigt sich jeder weitere Kommentar.
