Mist, habe das Stromkabel für den Computer vergessen. Irgendwo habe ich neulich gelesen, dass bei fortschreitender Entwicklung von steigender Akkukapazität einerseits und sinkendem Stromverbrauch andererseits irgendwann eine Akkuladung für zwei Jahre reicht - also quasi die durchschnittliche Lebensdauer eines tragbaren Computers - zumindest bei mir. Schade, dass es noch nicht soweit ist.
Ich sitz im ICE zurück nach Berlin und habe eine hektische Woche hinter mir. Voller Höhen und Tiefen. Das macht es nicht langweilig, hält den Blutdruck oben, sorgt aber bestimmt auch für ein galoppierendes Fortschreiten des Alterungsprozesses. Egal. Interessant ist, dass ich mich mit meinen Hochs und Tiefs momentan azyklisch zur deutschen Nationalmannschaft bewege. Was auch immer das für mich zu bedeuten hat.
Unsere Volkshelden am Leder haben ja bekanntlich in ihrem ersten Spiel furios und ausgesprochen ansehnlich gewonnen, als ich noch dabei war, hektisch viel zu viele Besprechungen in viel zu kurzer Zeit und in viel zu vielen Städten vorzubereiten. Und dann auch noch durchzuführen.
Und während der Bundesttrainer den Mannen vermutlich eine behagliche Extramassage nach den Strapazen des 4:0-Sieges gönnte, näherte ich mich dem Tiefpunkt meiner Woche am Mittwoch: Nach einem unauffälligen Update läuft bei einem meiner Lieblingskunden die Datenbank nur noch mit geräuschvollen Zündaussetzern bis hin zum Stillstand, begleitet von einem hässlichen Knirschen im Abfrageoptimierer. Und eine Lösung des Problems scheint nicht in Sicht. Frust kommt auf.
Der Donnerstag vergeht mit missmutigem Abarbeiten der Routine. Immer wieder stoße ich die Suche nach dem Problem an, das Kleinhirn summt vor Anstrengung, das Unterbewusstsein nimmt Kontakt zu allen verfügbaren Ebenen auf - ohne jeden Erfolg. Ein Schatten meiner Selbst, falle ich abends auf's Bett in meinem Hotelzimmer und suche nach Entspannung in den nächsten laufenden Partien der WM.
Dann, kurz nach dem desaströsen Spiel der Franzosen und dem direkt darauffolgenden Einschlafen, kommt wie aus heiterem Himmel die inzwischen schon nicht mehr erwartete Eingebung. Also wach werden, ein kurzer Griff zum Computer bestätigt die Vermutung - und führt auch gleich zur Lösung. Vielleicht sollte ich grundsätzlich nur noch nachts arbeiten, wenn ich dann so viel effektiver funktioniere. Oder dafür eintreten, dass für Programmierer der Büroschlaf als Mittel zur Problemlösung endlich anerkannt wird. Am Freitag dann der Test in der Live-Umgebung - und siehe, die Datenbank läuft geschmeidig und geräuschlos. Das ging nochmal gut.
Aber je besser es bei mir vorangeht, desto mehr muss die Nationalelf mit Schwierigkeiten kämpfen. Ein Regen aus gelben Karten, ein früher Platzverweis und das direkt darauf folgende Führungstor der Serben, dazu der vergebene Elfer des Pechvogels Podolski waren offenbar genug böse Omen - die Niederlage war trotz des eigentlich schönen Spiels nicht zu verhindern. Schade.
Aber wer über die Ungerechtigkeit der Unparteiischen auf dem Feld klagen wollte, dem blieben drei Minuten vor Ende des Spiels USA-Slowenien buchstäblich die Argumente im Hals stecken. Da wird einfach mal so ein völlig regelkonformes Tor vom Schiedsrichter aberkannt. Ohne jede Begründung. Immerhin - das Tackling von Klose konnte man ja zumindest noch sehen - aber auch in Zeitlupe war im Gewimmel vor dem slowenischen Kasten auch mit viel Phantasie kein Foul auszumachen. Hut ab, wie gelassen es die Amerikaner nahmen.
Fast zeitgleich mit den emotionalen Kapriolen in Südafrika kam der Dauerregen nach Salzburg. Aber wen stört schon Regen...da verziehe ich mich ins Cafe Mozart, wo ich bei einem Biedermeier-Cafe gelassen auf den grauen Schleier vor dem Fenster blicken kann - das große Kino läuft hier drinnen ab, nicht da draußen.
Hier herrscht noch echte Kaffeehausatmosphäre, die eher selten durch lästige Touristen gestört wird. Ich setze mich in den riesigen Raucherbereich - der gut doppelt so viel Platz einnimmt wie der für Nichtinhalierer - weil hier einfach mehr Leben zu sehen ist. Ein Mann Ende Fünfzig, mit wehendem Mantel und offenbar dunkel gefärbter, wehender Mähne, über deren Echtheit man ebenso trefflich hätte spekulieren können, nimmt am Tisch gegenüber Platz. Bestellt einen Naturjoghurt mit extra Zucker und ein Glas warme Milch, aber eine Spur unter lauwarm, bittschön. Ah, ja. Selbst der professionell agierende Kellner zieht für den Bruchteil einer Sekunde die linke Augenbraue nach oben, bevor er sich wieder unter Kontrolle hat und sich mit einem "Sehr Wohl, der Herr!" zurückzieht. Was muss man im Leben falsch gemacht haben, um sich im Kaffeehaus eine nicht einmal lauwarme Milch bestellen zu müssen? Ich bekomme nicht die Zeit, hinreichend über diese Frage zu reflektieren. Eine Gruppe amerikanischer Touristen hat den versteckten Eingang zum Kaffee gefunden und poltert lautstark herein. "We would like to have Bratwurst with Sauerkraut..." Komme mir vor wie in einem Film - können unsere Vorurteile zum Bild, dass die Amerikaner von uns Deutschen haben, wirklich so unbarmherzig genau zutreffen? In diesem Moment wird mir klar, dass wir uns in Österreich befinden und die Bestellung damit umso absurder wird. Was geht wohl diesmal im Kellner vor, der routiniert auch diese Bestellung aufnimmt. Nicht nur, dass die eigentlich gar nicht so arme deutsche Küche auf eine gebratene Brühwurst mit darmwindfördernder Krautbeilage reduziert wird - nein, dieses Stereotyp wird auch gleich auf die noch viel farbenfrohere Küche unseres Nachbarlandes ausgedehnt. Man möchte aufstehen und den Damen und Herren eine kurze Aufklärung hinsichtlich ihres momentanen Aufenthaltsortes verpassen. Das ist der Nachteil unseres geeinten Mitteleuropas - man nimmt das passieren der Staatsgrenzen fast nicht mehr wahr.
Aber auch der schönste Kaffee hat irgendwann ein Ende - wer weiß, welche Abgründe ich noch schauen hätte können...aber ich muss zurück ins ferne Preußen, und diese Fahrt wird mich den kompletten Rest des Tages kosten.
