Ein Freitag, gemacht aus Kaugummi, zieht sich träge zwischen Aufstehen und Zubettgehen dahin. Genau in der Mitte sitze ich in einem Cafe und wünsche mir jemanden, dem ich den ganzen Unsinn erzählen kann, der mir so durch den Kopf schwirrt.
Normalerweise sollten müßige Tage wie heute genossen werden. Ich sollte mich freuen, wenn die erste Sitzung überraschend kurz ausgefallen und die zweite überraschend spät beginnen wird und mir zwischen beiden ein Zwei-Stunden-Mittagspausenfenster geboten wird. Also sitze ich hier, schaue den Touristen draußen vorm Fenster zu.
Der Tag heute ging mit einem klassischen Fehlstart los. In der Schläfrigkeit des gestrigen Abends hatte ich den Wecker statt auf halb sechs eine Stunde früher gestellt. Vier Uhr dreißig, gefühlt sicher noch eine Stunde früher, wurde ich vom schrillen Pfeifen dieses elektrischen Mistviechs aus den Träumen gerissen. Für eine Stunde noch einmal einzuschlafen führt nur dazu, dass man beim zweiten Anlauf die Augen überhaupt nicht mehr aufbekommt. Also taumelte ich irgendwann, sediert von mehreren Hektolitern Schlafhormonen ins Bad, wo bereits mein Spiegelbild mit verquollenem Gesicht und einer Zahnbürste im Mundwinkel auf mich wartete.
Eine Stunde später: Mit Vorbedacht habe ich meinen Platz in der Ruhezone des ICE gebucht, Sitznummer 47. Alle anderen Sitze in meiner Nachbarschaft werden von einer Seniorengruppe auf dem Weg nach Erlangen eingenommen. Alle sind aufgeregt, ich bekomme etwa ein Dutzend Koffer in die Schulter gerammt, jeder darf auch zwei Mal auf meinen Fuß treten, bis endlich alles Gepäck für den Zweitagesausflug verstaut ist und Trudchen und Kurt und Waltraud und Ingelotte und alle anderen ihren Platz eingenommen haben. Um sofort, sich permanent gegenseitig unterbrechend und in weiteren Ausschmückungen überbietend, Erzählungen früherer aufregender Verspätungen und spektakulärer Anschlusszugverpassungen zum Besten zu geben. Brotbüchsen werden ausgepackt, Salamistullen und gekochte Eier verströmen ihr Aroma, an Schlaf ist selbstredend nicht zu denken.
Am Tröndlinring in Leipzig dann ein plötzliches deja vu - hatten sie die Blechbüchse nicht doch nicht abgerissen. Ja, ich weiß, der Satz klingt komisch, und das kommt daher, dass sie die Blechbüchse natürlich abgerissen haben, ich aber vor ein paar Tagen geträumt habe, sie hätten es nicht getan. Oder vielmehr, sie hätten es noch nicht getan, denn ich hatte im Traum eine Zeitreise gemacht, die es mir erlaubte, noch schnell ein paar Fotos von diesem stadtbekannten Wahrzeichen in unzerstörtem Zustand zu machen. Heute wurde ich nun also von der Realität belehrt, dass ich keine Zeitreise gemacht habe und vom berühmten Kaufhaus immer noch nicht mehr übrig ist als eine einsame Wand. Verwirrend, verstörend. Erst vernichtet der Krieg das, was vor dem Krieg mühevoll errichtet wurde, dann vernichtet die Nachwendezeit, was nach dem Krieg mühevoll errichtet wurde. In dreißig Jahren wird man dann die in die Landschaft gegossenen Stahlbetonmonster wieder schleifen, wenn man feststellt, dass man auf 10 Quadratkilometern Stadtzentrum keine sechs Einkaufszentren braucht. Schon gar nicht in einer Stadt, deren Einwohnerzahl inzwischen auf 500.000 gesunken ist.
Aber das ist so typisch Leipzig wie viele andere Dinge, die hier passieren. Eine Affäre wie die des Bauspekulanten Schneider war nur hier möglich, ebenso wie das Milliardengrab Citytunnel Leipzig. Immerhin - ganz Weltstadt denkt man nun darüber nach, das Museum für Naturkunde zu schließen. Vermutlich, um an gleicher Stelle mit privaten Fördermitteln ein "Zentrum für Kreationismus" zu errichten. Aber vielleicht tue ich Leipzig mit Letzterem doch Unrecht - ein solcher Schildbürgerstreich wäre eher typisch für Dresden.
So, Zeit für den nächsten Termin. Irgendwann werde ich das Ende des Kaugummis erreicht haben. Ich darf um Himmels Willen nicht vergessen, heute Abend den Wecker auszustellen...
